Unsere wöchentlichen Besuchstage im Alterszentrum in Solothurn gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Mein fast 90-jähriger Vater empfängt mich sitzend auf dem Rollator beim Haupteingang, herzliche Begrüssung unter den Augen der zahlreichen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, entspanntes Warten auf das Mittagessen, auf Wunsch das Lieblingsmenü Rösti mit Leberli. Wer spricht, wer hört zu? Wie fühlst du dich? – Gut! Wie war das Konzert? – Gut! Wie war der Jassnachmittag? – Gut! Die Themen sind erschöpft, jetzt kommt mein Part. Es folgt mein Standbericht mit Bildern der Aktivitäten und Heldentaten der Enkel- und Urenkelkinder. Er schmunzelt, dies scheint ihn zu amüsieren. Ich plaudere aus dem Alltag, schmücke aus und glorifiziere das Leben draussen. Eine Gegenfrage bleibt aus. Das ist Einwegkommunikation, denke ich auf der Rückreise nach Pontresina. Wie kann ich meinen Vater aus der Reserve locken?
Eine Woche später bietet sich uns die gewohnte Situation, ausser … Neben mir liegt auf dem Esstisch die «Engadiner Post». «S-chanf, das Tor zum Nationalpark»! Diese Schlagzeile sticht meinem Vater ins Auge und er sagt leise und doch unüberhörbar: «Dort war ich im Winter 1944 auf dem Flab-Schiessplatz stationiert.» Es fallen Wörter wie «Sibirische Kälte», «Schmugglerware» und «Zigarettenhandel».
Wer? Wie? Wann? Warum? Das Eis ist gebrochen. Ich erfahre Bruchstücke einer Lebensgeschichte aus der Zeit während des Zweiten Weltkriegs, Fragmente eines Zeitzeugen. Auf der Bahnfahrt zurück ins Hochtal eröffne ich auf meinem Computer ein neues Dokument und schreibe das Gehörte auf:
Sibirische Kälte und Schmuggel
Als Korporal einer Fliegerabwehrtruppe leistet Franz seinen Dienst ab 1940 auf über 1800 Metern über Meer. In S-chanf werden militärische Anlagen und Übungsplätze gebaut, erstellt aber nicht von Schweizer Soldaten. Für diese Arbeit setzt man Internierte ein, viele davon aus Polen. Im Engadin ist man weit weg vom Kriegsgeschehen. Die schlechten Nachrichten aus dem Radio beschäftigen die Soldaten.
Man kämpft aber auch gegen die eigenen Probleme. Wie kann man der Kälte trotzen? Es ist bissig kalt, bis zu minus 30 Grad Celsius. Eingehüllt in Schafpelzmäntel schieben die Männer bei schrecklichen Temperaturen immer zweistündige Wachen. Kalte Füsse? Nein, denn diese stecken samt den Bergschuhen in Schafpelzstiefeln: Mantel über Uniform, Schuh über Schuh!
Im Spätherbst 1944 bekommt Franz ein weiteres Aufgebot zu einem Schiesskurs in S-chanf. Gerüchte kursieren unter den Soldaten. Nicht die Kriegswirren sind das Thema, sondern die verlockenden Einkäufe in Poschiavo, Schmugglerware zu günstigen Preisen! Zwei sprachgewandte Kameraden nehmen das Heft in die Hand. Sie fahren mit dem Zug ins Puschlav, Fahrpreis fünf Franken retour. Schauplatz ist der Zigarrenladen. Woher der Händler die Ware hat, ist unklar. Die Preise lassen sich anschauen. Franz kauft für seine Annemarie eine hellgrüne Strickjacke aus feinster Angorawolle und für sich schwarze lederne Handschuhe, wie sie Offiziere tragen, dies zum Preis von 40 Franken.
Die Kauflust wirkt ansteckend. In der Unterkunft werden am Abend euphorisch Bestellungen aufgegeben, jeder will noch ein Schnäppchen ergattern. Die zwei Zwischenhändler reisen kurz vor Ende der Dienstzeit nochmals zum Zigarrenladen. Die eingekaufte Ware wollen sie auf der Heimreise im Zug unter die Männer bringen. Da aber kommt Sand ins Getriebe. Zu gross, zu klein, zu lang, zu kurz! Die bestellten Wollsachen und Handschuhe finden keine Abnehmer mehr. Die beiden Mittelsmänner bleiben auf der Ware sitzen, der Markt ist gesättigt. Offen bleibt, ob die beiden nach Kriegsende eine neue Geschäftsidee gefunden haben.
Ein Buch voller Erinnerungen
In der kommenden Woche bringe ich den Ausdruck der Militärgeschichte mit nach Solothurn. Gemeinsam beugen wir uns nach dem Mittagsschlaf über den Text, um ihn zu ergänzen, zu korrigieren oder abzuändern. Das ist der Beginn unseres Schreib-Ping-Pongs. Mein Vater erzählt, ich schreibe auf, gemeinsam überarbeiten wir die Erinnerungen. Impulse für Ideen finden wir in den zahlreichen Fotoalben: Franz als Soldat, Franz als Bergler, Franz als Erbauer, Franz’ erste Liebe und Franz als Vater, Gross- und Urgrossvater.
An der Vernissage an Franz’ 90. Geburtstag schenken wir dem Jubilar ein 60-seitiges Buch mit seinen Erzählungen. Wir haben den Schlüssel zur Vergangenheit gefunden. Den reichen wir an die nächste Generation weiter.
Autorin: Silvia Flury
Fotos: z. Vfg.
Alle Texte sowie weitere Informationen zum Schreibprojekt "Erinnern" finden Sie hier.
Fotos: z. Vfg.
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