Die archaische Jagd und die oft als elitär empfundene Oper – passt diese Kombination zusammen? Und ob. Das beweist die Jäger-Oper «Gian Marchet Colani«. Hier trifft die Kammerphilharmonie Graubünden auf einen Projektchor des Bündner Patentjägerverban­des, hier begegnen sich das Gute und das Böse, hier wird ein Heldenepos zu einem Stück über menschliche Schwächen und die Übermacht der Liebe. 

«Das Jagdmotiv bietet viel Drama – wie die Oper auch», so die Opernsängerin Sara-Bigna Janett, welche als Aita eine der Hauptrollen spielt. Am Freitagabend hat die Bündner Jägeroper im Kongresszentrum Pontresina Premiere gefeiert und Standing Ovations erhalten. Am späten Sonntagnachmittag fand die Aufführung im Scuol Palace statt und sorgte für Begeisterung im Foyer des ehemaligen Grand Hotels. 

Volksnähe im Mittelpunkt
Die Oper einem breiteren Bevölkerungskreis im Engadin näherzubrin­gen, das ist das Ziel von Opera Engiadina. Mit der Jägeroper «Gian Marchet Colani» trifft sie ins Schwarze. Als Vorlage für diese Bündner Jägeroper dient Carl Maria von Webers «Der Freischütz» – die erste deutsch-romanische Oper überhaupt. Die Handlung wird auf die schillernde Gestalt von Gian Marchet Colani (1772-1835) zuge­schnit­ten, den legendären Engadiner Ausnahmejäger und Gebirgshelden. 

Die Geschichte erzählt allerdings eine ganz andere Figur: Samiel, auch bekannt als Mephisto oder der Teufel. Wie ein Dirigent zaubert er Licht, Berge und Figuren herbei und erweckt sie mit viel Schalk und Bosheit zum Leben. Obwohl er selbst meint: «Ihr denkt, ich sei ein Schuft, aber ich halte nur den Spiegel vor, das Bild darin seid ihr.»

Ein Pakt mit dem Teufel
Die Handlung beginnt mit Colanis Rückkehr aus Paris im Jahr 1794, wo er unter anderem als Hilfsconfiseur gearbeitet hat. Samiel findet Gefallen an den Rückkehrer und beschliesst: «Das ist mein Spieler, mein Experiment, mein Joker.» Sein Gegenspieler ist Chasper Gianzun, ein alternder Jäger, «ein Platzhirsch, zu stolz, um den Brunftplatz zu verlassen». Beide buhlen um die liebliche Aita.

Doch Colani hat ein Problem. Der wohl treffsicherste Jäger, den das Engadin je gesehen hat, ist so liebeskrank, dass er nicht mehr trifft. Dabei ist das die Bedingung, um mit ihr zusammen zu sein. «Kein Treffer, keine Aita.» Gemäss Jägerbrauch muss er mit einem Probeschuss beweisen, dass er ihrer würdig ist. Dafür geht Colani einen Pakt mit Chasper – respektive mit dem Teufel – ein. Sieben Freikugeln erhält er «und eine dieser Kugeln trifft immer ...»

Musik ist das tragende Element
«Jagd ist in Graubünden ein grosses Thema, und ich hatte immer die Idee im Hinterkopf, den Freischütz als Oper mit Colani zu adaptieren», erzählte Claudio Danuser, Intendant der Opera Engiadina, kurz nach der Aufführung in Nairs. Wer den Freischütz kenne, erkenne vieles in der Bündner Jägeroper wieder. Webers Musik bleibt das tragende Element der Oper, virtuos gespielt von der Kammerphilharmonie Graubünden unter der Leitung von Danuser. 

«Ich wusste, dass ich die Bündner Jäger einbeziehen musste, und das war anfänglich gar nicht so einfach», so der Intendant. Obwohl die meisten der Laiensängerinnen und Laiensänger, die jetzt auf der Bühne stehen, vorher nichts mit Oper zu tun hatten, kam ein Projektchor zusammen. Die Männer und Frauen singen sogar auf Romanisch. «Plü grand giodimaint es bain quel dal chatscheder, funtauna vitela al sbuorfl’a filun. Tadland suns da corn fer la pos’illa preda, a chatsch’ir dal tschierv tres spessagl’e valun...» So manches Auge eines Bündner Jägers im Publikum blieb bei diesem Hohelied des Jägerdaseins nicht trocken.

Der Regisseur Manfred Ferrari hat die Erzähltexte von Samiel bewusst knapp gehalten, damit Musik und Gesang umso stärker wirken können. Gespielt wird die dämonische Figur vom Engadiner Jonathan Ferrari. Wie genussvoll er in seine Spielleiter-Rolle schlüpft, ist ein grosses Vergnügen für das Publikum. Die Sopranistin mit Engadiner Wurzeln, Sara-Bigna Janett, gehört zur Opera Engiadina einfach dazu. «Sie ist unser Zugpferd, sie singt fantastisch», schwärmte Danuser.

Ein Stück voller Emotionen
Die Rolle des Colani übernimmt Yves Ehrsam. Für den Aargauer eine Herausforderung, denn ihm war die Bündner Jagd bisher fremd. «Mir hat es geholfen, die Geschichte dieser Heldenfigur zu erfahren. Geholfen hat aber auch, dass die zwischenmenschlichen Gefühle auf der Bühne klar sind», sagte er. Der Bass-Bariton Fabrice Raviola als Chasper, der Bass Radovan Jovanović als Schützenmeister, der hohe Bariton Michael Stern als Bezirkspräsident und der Bariton Martin Roth als Ewiger Jäger - sie haben bewiesen, dass Operngesang überall funktionieren kann. 

«Im Publikum sassen Freunde und Familienangehörige der Sängerinnen und Sänger des Chors, Jäger und Jägerinnen, solche, die noch nie eine Oper gehört haben - und die Stimmung war gut, die Begeisterung ist da», freute sich Sara-Bigna Janett. 70 Minuten dauerte die Bündner Jägeroper. So kurzweilig wie mit Gian Marchet Colani war ein Opernbesuch wohl selten.

Die letzte Vorstellung im Engadin findet am 1. November um 17:00 Uhr im Hotel Reine Victoria in St. Moritz statt.