Der Mann ist traurig, er weiss nicht, warum. Er sitzt auf der Treppe eines baufälligen Engadiner Hauses. Im balcun tort neben dem Eingang senken einige Hängenelken ihre Köpfe. Ein Schild baumelt über der Eingangstür, darauf steht geschrieben: «Haus der Erin­ne­rungen – auf unbestimmte Zeit geschlossen». Der Mann sitzt auf einer steinernen Treppenstufe und weint.

Eine alte Frau erscheint. In ihr Gesicht haben sich die Falten eines langen, glücklichen Lebens eingegraben. Sie hält ein Zettelchen in ihrer Hand. «Was bedrückt dich?», fragt die alte Frau. «Ich bin traurig», antwortet der Mann. «Warum?» «Was geht dich das an? Wer bist du überhaupt?» «Du kennst mich nicht mehr. Ich helfe dir, dich zu erinnern. Die Worte, die auf diesem Zettelchen stehen, hast du geschrieben.» Der Mann blickt auf. Er hat die Stimme der Frau wiedererkannt. «Ach, das Mädchen mit den langen Zöpfen, wir sind zusammen zur Schule gegangen!» Der Mann schnäuzt sich die Nase. Geräuschvoll. «Genau», sagt die alte Frau. «Weisst du noch, was du auf dieses Zettelchen geschrieben hast?» «Sag es mir!» «Also, da steht: Willst du mit mir gehen? JA – NEIN – VIELLEICHT». «Und was hast du damals angekreuzt»? Der Mann guckt verlegen. «JA, natürlich, was denkst du denn?»

Der Mann schluckt. Die alte Frau lächelt. «Wo bist du gewesen? Was hast du gemacht in deinem Leben?» «Ich bin herumvagabundiert, habe viele unvergessliche Dinge erlebt. Gute und weniger gute. Jetzt bin ich in unser Dorf zurückgekehrt. Aber alles hat sich verändert. Die alten Bauernhäuser machten Platz für weiss getünchte Einfamilienhäuschen, allesamt umzäunt mit blickfesten Hecken. Ich kenne niemanden mehr. Die kaputten Schaufenster-Storen des «paun e chachöl» haben sich mitsamt ihrer Krämerin zur ewigen Ruhe gelegt. Die Vitrinen vor dem Kino Rex sind ausgeräumt, das Filmplakat mit Claudia Cardinales schmachtendem Blick entsorgt. Bloss einige an Reissnägeln befestigte Papierfetzchen halten die Erinnerung daran fest. Traurig, nicht wahr?» «Dann geh noch einmal zurück in die alten Zeiten! Ich selber schaue gern zurück. Wenn ich an all die guten Menschen denke, stehen sie wieder vor mir, sie werden lebendig! Doch mach’ dich behutsam ans Werk, wenn du das Haus der Erinnerungen besuchst! Du könntest dort auch auf Menschen treffen, die es mit dir nicht sonderlich gut gemeint haben.»

Der Mann hört aufmerksam zu. «Komm, wir gehen miteinander ins Haus. Es wird sich so anfühlen, als würdest du ein Museum betreten.» Die alte Frau geht voraus. Jetzt stehen die Hängenelken im balcun tort in voller Blüte. Beim Aufstossen knarzt die Pforte in den Angeln. Vom sulèr aus führen Eingänge in verschiedene Zimmer. Über den Türrahmen hängen Hinweis­schil­der.

Das erste Zimmer ist angeschrieben mit «Reisen und Abenteuer». Riesige Brocken und kantige Kieselsteine, ein Ammonshorn. Quarz, Feldspat und Glimmer, das vergess’ ich (n)immer. Einige Steine sind beschriftet mit Uluru, J24, Golden Gate, Niesen, Neerim South. Hier ein Zweig voll flauschiger Baumwolle. Dort ein feuriges, augenzwin­kerndes Opal-Zwerglein, auf Watte gebettet. Die «Big Five» in Holz geschnitzt und mit Staub fein bedeckt. Daneben, ganz in Plastik gegossen, die kleine Meerjungfrau. Ein Bücker Jungmann en miniature setzt zum Looping an. Daneben Cristo Redentor, zuoberst auf dem Corcovado, die Arme unermüdlich über die vielen Sünder ausgebreitet. «Was für eine auserlesene Sammlung». Die alte Frau lehnt am Türpfosten. 

Das nächste Zimmer trägt die Aufschrift «Allerlei Gefühle». Darunter eine Kritzelei: «Glücksmomente, Bagatellunfälle sowie schwerste Verletzun­gen». Es sind Fotografien in Schwarz-Weiss und in Farbe. Einige sind in goldene Rahmen gefasst, andere stecken achtlos in den Türzargen. Einige sind ausgebleicht, die Motive kaum noch erkennbar, andere so frisch, als wären die Fotografien erst gestern gemacht worden. Der Mann atmet schwer. «Das Bild meiner Mutter! Ich sitze in der Küche auf dem Rand eines beigefarbenen Schüttsteins und schaue zu, wie sie Muskatnuss in den Kartoffelstock reibt. Wie der Braten duftet! Der Vater holt gerade eine Flasche Hügelwein aus dem Keller. Es wird ein Sonntag sein!» Die alte Frau lächelt.

Über dem dritten Zimmer die Aufschrift: «Begegnung mit der Unendlichkeit». Kein Zimmer, ein Planetarium! In der Dunkelheit sind die Umrisse eines gewaltigen Berges zu erkennen, darüber wölbt sich der Sternenhimmel. Wie von Geisterhand bewegt, schält sich eine Dreierseilschaft aus dem Parkettboden heraus und kämpft sich dem Berggipfel entgegen. Über ihren Köpfen steigt der Orion auf. «Ein Drache im Wind! Wir halten eine Schnur in den Händen und lassen einen Drachen steigen!», murmelt einer der Bergsteiger. «Der Mittlere in der Seilschaft, das bin ich!» Die alte Frau nickt.

An der nächsten Zimmertür klebt ein Post-it-Zettel: «Stille und Krach sind dasselbe». Ein Mann von geringer Statur trippelt auf die Bühne. Er steckt in einem viel zu gross geschneiderten Frack. Sein Name ist Artur Rubinstein. Nicht enden wollender Applaus wogt ihm entgegen. Jetzt verbeugt er sich artig, schwingt die Frackzipfel über den Klavierhocker, setzt sich akkurat hin und legt seine Hände über die Tasten. 

Er legt seine Hände bloss über die Tasten. Er legt seine Hände ... Stille – – – stundenlange Stille – – – «Was für eine wertvolle Erinnerung. Jetzt gerade spüre ich noch einmal diese Stille. Diese Stille hat gekracht vor Stille!» «Das kann ich dir nachfühlen», sagt die alte Frau.

«Ach ja, Krach. Das giaischla knallende Bürschchen mit fliegendem Haar, von allen marusas angehimmelt, das bist du. Ich habe dir die rösas für Chalandamarz gemacht. Du warst zu scheu, mich danach zu fragen!» Der Mann hält den Kopf schräg und lauscht. Von weit her ist das Knallen einer giaischla zu hören. Ein hübsches Mädchen mit langen Zöpfen schaut zu.

Eine Holztreppe führt in den Estrich. Die Ordnung eines Chaoten. Bogen über Blatt über Zettelchen über Fetzen, über und über aufbewahrt und aufgebahrt mit dem einzigen Zweck, Gedanken und Gefühle vor den üblen Gesellen des Vergessens zu bewahren. Hier ein köstlicher Duft, da ein liebes Wort, dort ein dunkles Flüstern. Hier ein bisschen Selbstmitleid, da ein paar Vergissmeinnicht, dort einige streng riechende Gedanken. «Bleib noch ein Weilchen, in mir steckt noch so vieles drin, das ich loswerden möchte». Die alte Frau nimmt die Hand des Mannes.

«Ich lese es in deinen leuchtenden Augen, der Rundgang im Haus hat dir gefallen, nicht wahr? Vielleicht liegt’s auch ein bisschen an mir, dem Mädchen mit den langen Zöpfen? Mit meinen Erinnerungen mach’s ich so: Sie machen mich nicht traurig, ich bin dankbar dafür, sie in mir tragen zu dürfen. Sie sind in mir, wohin ich auch gehe. Sie geben mir die Kraft und den Mut, im Heute zu leben. Vor der Zukunft fürchte ich mich nicht. Zwar rückt sie näher, Tag für Tag. Sie versucht, sich wichtig zu machen. Aber ich nehme sie nicht mehr so ernst. Ich heisse sie mit einem Lächeln willkommen.» Dann ist die alte Frau nirgends mehr zu sehen.

Ein Mann sitzt auf einer Treppenstufe vor einem Engadiner Haus. Die Hängenelken im balcon tort richten sich auf und schauen zu ihm herüber. Von sanftem Wind bewegt, sieht’s so aus, als würden sie ihm zuwinken.

Autor und Foto: Hansruedi Strahm

Erinnerungen an Graubünden – Geschichten, die bleiben
Mit dem Schreibprojekt «Erinnern» lud Pro Senectute Graubünden Menschen ab 65 Jahren ein, persönliche Texte mit Bezug zu Graubünden einzureichen. Rund 80 Beiträge in Deutsch, Romanisch und Italienisch gingen aus der ganzen Schweiz ein. Etwa ein Dutzend davon stammt von Autorinnen und Autoren aus dem Engadin und Südbünden oder erzählt Geschichten aus dieser Region. Zum heutigen Internationalen Tag der älteren Menschen, welcher 1990 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde, startet die «Engadiner Post/Posta Ladina» eine Serie und veröffentlicht in den kommenden Wochen einige dieser Texte von Autorinnen und Autoren aus dem Engadin und Südbünden. Sie erzählen von persönlichen Erinnerungen, Erlebnissen und Begegnungen – und davon, was bleibt. Den Auftakt macht Hansruedi Strahm aus Samedan. (ep)

Alle Informationen zum Schreibprojekt unter gr.prosenectute.ch