Welche Rolle spielte das Spital Oberengadin beim Busunglück von Susch konkret?
Die Spital Oberengadin nahm seinen Versorgungsautrag der Grund – und Notfallversorgung vollständig wahr. Insgesamt wurden zehn leicht verletzte Patientinnen und Patienten im Spital aufgenommen und medizinisch versorgt.

Was passiert in einem Regionalspital, wenn innerhalb kürzester Zeit mit einer grösseren Zahl von Verletzten gerechnet werden muss?
Das Spital Oberengadin verfügt für einen Massenanfall von Verletzten über definierte Alarmierungs- und Einsatzprozesse. Mit der Alarmierung werden diese Abläufe unmittelbar aktiviert. Gleichzeitig werden die verfügbaren personellen und räumlichen Kapazitäten geprüft und bei Bedarf zusätzliche Mitarbeitende aufgeboten. Ziel ist, innerhalb kurzer Zeit zusätzliche Versorgungskapazitäten bereitzustellen.

Wo liegen bei einem solchen Ereignis die besonderen Stärken eines Regionalspitals?

Die lokalen Kenntnisse der Versorgungsstrukturen sind immer von Vorteil. Ebenso zentral sind die Kenntnis der regionalen Versorgungsstrukturen und die eingespielte Zusammenarbeit mit Rettungsdiensten, Luftrettung sowie den weiteren Spitälern. Entscheidend ist letztlich, dass Patientinnen und Patienten entsprechend der Schwere ihrer Verletzungen möglichst rasch dem richtigen Versorgungsort zugewiesen werden.

Wie wichtig war beim Unfall die Zusammenarbeit zwischen Rettungsdiensten, Rega beziehungsweise weiteren Luftrettungsorganisationen, den Regionalspitälern und den grösseren Zentrumsspitälern?

Eine solche Zusammenarbeit ist zentral. Eine qualitativ hochstehende Notfallversorgung funktioniert nur als Versorgungskette: von der Triage am Schadenplatz über den boden- und luftgebundenen Rettungsdienst bis zu den Regional- und Zentrumsspitälern. Entscheidend sind klare Abläufe, eine gute Koordination und die richtige Zuweisung der Verletzten.

Welche Verletzungen können Regionalspitäler im Engadin selbst behandeln – und ab welchem Punkt ist eine Verlegung in ein Zentrumsspital notwendig?
Das Spital Oberengadin kann im Rahmen seines Versorgungsauftrags leicht bis mittelschwer verletzte Patientinnen und Patienten behandeln. Bei schweren oder hochspezialisierten Verletzungen ist je nach Verletzungsmuster eine Behandlung in einem Zentrumsspital erforderlich. Bei Ereignissen mit vielen Verletzten erfolgt bereits am Schadenplatz eine medizinische Triage. Dabei werden Dringlichkeit, Verletzungsschwere sowie die verfügbaren Behandlungskapazitäten berücksichtigt. So sollen die Patientinnen und Patienten möglichst direkt dem für ihre Verletzungen geeigneten Spital zugewiesen werden.

Was hätte sich beim Busunglück verändert, wenn es im Engadin keine regionalen Akutspitäler beziehungsweise entsprechende medizinische Strukturen gäbe?

Ohne regionale Akutversorgung müssten auch leicht und mittelschwer verletzte Patientinnen und Patienten über längere Distanzen in Zentrumsspitäler transportiert werden. Damit würden dort zusätzliche Kapazitäten beansprucht, die insbesondere bei einem Ereignis mit vielen Verletzten für schwerverletzte und hochspezialisierte Fälle benötigt werden. Regionalspitäler leisten deshalb auch einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der gesamten Versorgungskette.

Kann man nach einem Ereignis wie diesem beziffern, welchen medizinischen Unterschied die Nähe eines Spitals macht?
Das lässt sich nicht pauschal in Minuten beziffern, weil die Bedeutung der Transportzeit stark vom Verletzungsmuster und vom Zustand einer Patientin oder eines Patienten abhängt. Deshalb ist die Triage am Schadenplatz so wichtig: Schwerverletzte sollen möglichst direkt und rasch dem für ihre Behandlung geeigneten Zentrum zugewiesen werden.

Ist eine gewisse Reserve an Personal, Betten, Notfall- und Operationskapazitäten Teil der Grundversorgung einer Bergregion – auch wenn diese Reserve wirtschaftlich betrachtet teuer ist?
Wir halten keine Personalreserve im Sinne von Mitarbeitenden vor, die ausschliesslich für ausserordentliche Ereignisse bereitstehen. Entscheidend ist vielmehr ein funktionierendes Alarmierungssystem. Viele unserer Mitarbeitenden wohnen in der Region und können bei einem entsprechenden Alarm kurzfristig zusätzlich aufgeboten werden. Auch beim Busunglück haben zahlreiche Mitarbeitende ausserhalb ihres regulären Dienstes auf die Alarmierung reagiert und das Team unterstützt. Dieser ausserordentliche Einsatz war für die Bewältigung der Situation sehr wertvoll und verdient grossen Dank.

Wie abhängig ist die Region bei einem Ereignis dieser Grössenordnung von funktionierenden Regionalspitälern auf beiden Seiten des Engadins?
Bei einem Ereignis dieser Grössenordnung ist nicht ein einzelner Standort entscheidend, sondern das Zusammenspiel der gesamten Rettungs- und Versorgungskette. Voraussetzung sind klar definierte Abläufe, bekannte Kapazitäten und eine gute Koordination zwischen Rettungsdiensten, Regionalspitälern und Zentrumsspitälern. Je besser diese Strukturen aufeinander abgestimmt sind, desto gezielter können Patientinnen und Patienten verteilt und versorgt werden.

Welche Leistungen müssen Ihrer Ansicht nach zwingend in der Region erhalten bleiben, damit bei schweren Unfällen und anderen medizinischen Notfällen weiterhin eine sichere Erst- und Akutversorgung gewährleistet werden kann?

Zentral sind eine leistungsfähige medizinische Grund- und Notfallversorgung in der Region, eine funktionierende Rettungskette sowie eine rasche Triage und Zuweisung an den geeigneten Behandlungsort. Gerade bei ausserordentlichen Ereignissen zeigt sich, wie wichtig eingespielte regionale Strukturen und die Vernetzung mit den Zentrumsspitälern sind.

Hat der Busunfall Schwachstellen oder Verbesserungspotenzial in der regionalen Notfallversorgung aufgezeigt?

Das Ereignis hat gezeigt, dass unser Konzept für einen Massenanfall von Verletzten auch in einer realen Einsatzsituation funktioniert. Die Alarmierung und die Mobilisierung zusätzlicher Mitarbeitender haben sich bewährt. Gleichzeitig werden Ereignisse dieser Grössenordnung selbstverständlich nachbereitet. Dabei prüfen wir gemeinsam mit den beteiligten Partnern, wo Abläufe weiter verbessert werden können und welche Erkenntnisse in die Einsatzplanung einfliessen sollen. Besonders hervorheben möchten wir den ausserordentlichen Einsatz aller Beteiligten. Rettungsdienste, Luftrettung, Spitäler und weitere Einsatzkräfte haben professionell, koordiniert und konsequent im Interesse der Patientinnen und Patienten zusammengearbeitet. Dafür gebührt allen Beteiligten grosser Dank.

Dr. med. Sacha Geier ist CEO am Spital Oberengadin