Nicola Bardola, in diesen Tagen sind Sie ein sehr gefragter Interviewpartner für die Medien. Wie wird man zu einem Freddie-Mercury-Experten?
Vielleicht hat es angefangen, als ich 14 Jahre alt war. Damals kam «Bohemian Rhapsody» heraus, und mir wurde die Single geschenkt. Atemberaubend. In diesem Alter war ich Beatles-Fan, aber «Bohemian Rhapsody» war eine Offenbarung. Ich habe Queen fortan immer weiterverfolgt, bis zum Kinofilm «Bohemian Rhapsody» von 2018, mit Rami Malek in der Hauptrolle. In diesem Film hat es Fehler. Ich habe zu recherchieren begonnen und vor allem gravierende Fehler betreffend Freddies Zeit in München entdeckt. Ich lebe seit über 40 Jahren in München, habe ihn aber leider nie getroffen. Je länger ich recherchiert habe, desto mehr habe ich über Freddie erfahren. So wurde ich nach und nach zum Queen-Experten, vor allem für die Jahre 1979 bis 1986 in München.
Vor fünf Jahren erschien Ihr Buch «Mercury in München», ein 430 Seiten starkes Buch mit vielen Fotos und viel Insiderwissen. Im Untertitel heisst es «Seine besten Jahre». Warum?
Er hatte natürlich auch vorher gute Jahre und auch nachher gute Momente. Aber in München konnte er sich selbst sein, so frei wie nirgends sonst. Auf der ersten Platte, die in München entstand, «The Game», bedankt er sich ausdrücklich bei den «People of Munich». Namentlich bedankt er sich später auf seinem Münchner Soloalbum «Mr. Bad Guy» bei seiner engen Vertrauten Barbara Valentin («for big tits and misconduct») und bei seinem langjährigen Liebhaber Winnie Kirchberger («for board and lodging»). In München entstanden gute Platten, unter anderem «The Game», die die einzige Nummer 1 in den USA war. Das Album war so schnell geboren und so erfolgreich, dass Queen länger in München geblieben ist. In den Musicland Studios wurden die Platten mit Reinhold Mack aufgenommen. Er wurde als Co-Produzent sogar beteiligt und als fünftes Queen-Mitglied bezeichnet.
Für Freddie Mercury war München aber auch als Privatperson sehr wichtig.
Ja, in München war er nicht unter ständiger Beobachtung der Presse, der Paparazzi. Dort konnte er auch seine Sexualität voll ausleben. 1985/86 hat er dann die Diagnose HIV positiv erhalten. Er hat seine Krankheit lange geleugnet und sogar vor seinem Umfeld verheimlicht. Als seine Garden Lodge – sein Landhaus mitten in London – fertig umgebaut war, zog er zurück nach England und hat dort nach eigenen Aussagen «wie eine Nonne» gelebt. Es gab viele Hinweise, dass er eigentlich geplant hatte, nach München zurückzukehren. Er hat Deutsch gelernt. Seinem neuen Liebhaber, dem Londoner Friseur Jim Hutton, hat er vorgeschlagen, in München einen Friseursalon zu kaufen und gemeinsam dort zu leben. Damals hoffte er noch, wieder gesund zu werden.
1991 starb Freddie Mercury an Aids. Über ihn ist schon sehr vieles geschrieben und publiziert worden. Sie beschreiben ihn als Menschen der Gegensätze: extravagant und schüchtern, exzessiv und verletzlich. Welche Seite von Freddie Mercury hat Sie bei den Recherchen am meisten überrascht?
Es gibt Schattierungen seines Charakters, die ich bei einer Zeitzeugenaussage bestätigt bekommen habe. Er erzählte, dass Freddie privat sehr freundlich und höflich war, aber er sei auch sehr «bossy» gewesen. Der Zeitzeuge war ein Plattenhändler. Er erzählte auch, dass Freddie ihn gefragt habe, wer sein Lieblingssänger sei. Als er «Robert Plant von Led Zeppelin» geantwortet habe, sei Freddie recht rabiat geworden. Ein paar Monate später, als Freddie von der Presse nach seinem Lieblingssänger gefragt wurde, antwortete er: Robert Plant. Die ganze Geschichte zeigt schön die Schattierungen seines Charakters, zwischen Narzissmus und Komplexen.
Erinnerungen sind unzuverlässig – erst recht nach vier Jahrzehnten. Wie oft haben Sie bei den Gesprächen mit Zeitzeugen das Gefühl gehabt, dass aus einer guten Geschichte im Lauf der Jahre eine noch bessere Geschichte geworden ist?
Sehr oft. Ich versuche das im Buch immer klarzumachen. Einige Geschichten wurden auch mehrfach erzählt, und zwar in etlichen Varianten. Die Leserin und der Leser können selber entscheiden, welche Anekdote glaubwürdig ist.
Gab es Zeitzeugen, die besonders wichtig für das Buch waren?
Miss Piggy – ein Travestie-Künstler, der Freddie kannte. Er war die Basis von allem. Er gab mir die erste Führung zu Freddies München. Dann gab es noch den kunstsinnigen Lohengrin, der ein Lokal hatte und den Leder Club München im Ochsengarten mitgegründet hat. Er erzählte mir tolle Geschichten, unter anderem, woher das legendäre «Eiche-T-Shirt» kam, das er Freddie 1979 schenkte. Dieses T-Shirt trug der Sänger am Saarbrücken Open Air.
Haben Sie auch Sachen erfahren, die Sie aus Rücksicht vor Beteiligten bewusst nicht für das Buch verwendet haben?
Ja, das ist passiert. Wenn ich spürte, dass etwas indiskret wäre, oder wenn mich jemand bat, das Gesagte nicht zu verwenden, liess ich es weg. In München hat mir jemand aus dem engen Kreis von Freddie viel erzählt, wollte aber nichts publiziert sehen. Das habe ich respektiert. Es sind unter anderem private Fotos von Freddie mit Männern und Frauen zirkuliert. Wenn ich diese publiziert hätte, wären Anwälte aufgetaucht. Und schliesslich muss man bedenken, dass nicht nur Freddie sondern auch die anderen Bandmitglieder in München lebten und sich amüsierten. Da schlummert noch Queen-Material in Münchner Safes.
Mit all diesem Wissen, das Sie über Freddie Mercury heute haben: Könnten Sie einen Abend mit ihm verbringen, was würden Sie ihn fragen?
Ich wäre zuerst mal sprachlos (lacht). Aber eigentlich habe ich das Gefühl, ihn sehr gut zu kennen. Ich habe keine offenen Fragen. Es wäre einfach Magie, neben ihm zu sitzen, mit ihm ein Bier zu trinken und über Musik zu sprechen. Es wäre interessant zu wissen, wie er seine musikalische, kompositorische Entwicklung sah. Dazu gibt es zu wenig O-Töne von ihm.
In vielen Berichten und Beiträgen zu «80 Jahre Freddie Mercury« wird vor allem sein exzentrisches Leben beleuchtet. Die Musik rückt fast ein wenig in den Hintergrund ...
Das stimmt. Seine Stimme, seine Kompositionen, seine Performance haben ihn zur Legende gemacht. In den Artikeln, in denen die Musik von Queen fast nicht vorkommt, gehen die Verfasser wohl einfach davon aus, dass die Leute diese schon kennen. Aber ich finde, auch dort gäbe es noch viel zu besprechen. Zum Beispiel war sein Soloalbum «Mr. Bad Guy», das in München aufgenommen wurde, nicht so erfolgreich, wie erwartet. Diese Platte altert supergut und sollte neu interpretiert und analysiert werden. Seine Kompositionen und Texte sind wirklich faszinierend.
Hören Sie die Musik von Queen heute anders als der 14-jährige Nicola Bardola, der gerade «Bohemian Rhapsody» entdeckt hat?
Ja, vor allem häufiger. Noch häufiger. Extrem oft sogar. Ich kann Queen zurzeit rauf und runter hören und habe nie genug. Die Frühphase ist so anders als die späte Phase. Und Freddies Solo-Singles sind nochmals anders. Queen ist das Beispiel einer Band, die immer grösser wird. Es gelingt Queen auch, den Geschmack von allen zu treffen, obwohl die Musik nicht Mainstream ist. Das beste Beispiel ist «Bohemian Rhapsody». Alle Profis meinten, das Lied sei zu lang, zu komplex - und heute ist es weltweit Kult.
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben