Später Freitagnachmittag in der Eishalle Gurlaina: Sandro Fliri und seine Brüder Sascha und Ronny holen ihre Nummernschilder ab. Während die Brüder von auswärts angereist sind, musste Sandro Fliri nur von seiner Arbeitsstelle in der Val Müstair zunächst nach Hause nach Lavin und dann weiter nach Scuol fahren. Am nächsten Morgen wird er wieder den Ofenpass hochfahren, allerdings nur bis Munt La Schera, wo er durch den Tunnel nach Livigno fährt, um die 70 Kilometer lange Strecke über den Pass Chaschauna nach Scuol zu gelangen. Auf die Frage, ob er denn bereit für das Rennen sei, schmunzelt der zweifache Familienvater nur und meint: «Das werden wir dann sehen». 

Mit der ganzen Familie 
Zwölf Jahre alt war Sandro, als die erste Ausgabe des Nationalpark Bike-Mara­thon stattfand. Damals entschied die sportliche Familie: Das machen wir jetzt zusammen! «Wir sind mit unseren Eltern und Cousins viel Velo gefahren, und als bekannt wurde, dass es einen Bike-Marathon in der Region geben soll, war klar, dass wir mitmachen», erzählt er. Die ersten Jahre fuhr die Familie noch gemeinsam die Strecke Putèr von S-chanf nach Scuol. Als Sandro alt genug war, fuhr er alleine. Bisher ist er jede Rennstrecke des Nationalpark-Bikemarathons gefahren – mit Ausnah­me der Königsdisziplin Vallader über 141 Kilometer.

Einfach immer Glück gehabt
 «Am Anfang war ausschlaggebend, dass wir einfach an diesem Rennen in der Region teilnehmen wollten, und irgendwann war ich einfach jedes Jahr wie selbstverständlich dabei», sagt er. Glück habe er gehabt, dass er zum Renntermin immer in der Region sein konnte. Sogar während der Rekrutenschule hatte er per Zufall genau am Freitag vor dem Marathon-Wochenende frei. 

In Erinnerung bleiben wird Sandro Fliri sicher die Ausgabe von 2011, als ein Temperatursturz Organisatoren und Teilnehmende überraschte. Damals startete er in Fuldera für die Jauer-Strecke. «Ich kam bis zur Alp Chaschauna, wo es bereits kalt war, und dort sah ich rund 40 Bikes auf dem Boden», erzählt er. Die Fahrerinnen und Fahrer wärmten sich im Alpgebäude auf, auch einige Bekannte aus der Val Müstair. «Ich gesellte mich dazu, und dann wurde das Rennen abgebro­chen.» Sandro Fliri schildert auch die Fahrt mit dem Shuttle nach S-chanf, wo Familienangehörige bereits beim Schulhaus mit warmer Kleidung warteten. 

Drei sportliche Brüder
Gerne erinnert sich der Münstertaler an ein Rennen, als er in Fuldera für die 107 Kilometer lange Jauer-Strecke startete und einfach alles gut lief, weil er vorab viel trainieren konnte. «Da bin ich mit einer Zeit unter sechs Stunden ins Ziel gefahren, das war ein Highlight», sagt er. Heute fährt Sandor Fliri immer noch viel Velo, zum Beispiel abends schnell 14 Kilometer auf eine Alp. Im Sommer macht er auch ein paar längere Biketouren, um sich auf den Bike-Marathon vorzubereiten. Seine Brüder Sascha und Ronny haben sogar schon Wettkämpfe in anderen Regionen der Schweiz bestritten. «Sie sind stärker als ich», gibt er neidlos zu. Das Ziel von Sandro Fliri ist jedes Jahr dasselbe: unfallfrei und mit einer möglichst guten Zeit ins Ziel zu fahren. Dieses Jahr rechnet er mit einer Zeit zwischen dreieinhalb und vier Stunden für die Livignasco-Strecke. 

Unfallfrei und unter vier Stunden
Später Samstagvormittag im Zielgelände in Gurlaina: Sandro Fliri fährt mit der orangefarbenen Startnummer 2018 über die Ziellinie. Drei Stunden und 56 Minuten hat er für die 70 Kilometer und die 1767 Höhenmeter gebraucht. Er landet auf Rang 54 (von 157). Ronny ist bereits zehn Minuten früher angekom­men, auf Rang 37. Sascha fährt die Stafetta im Zweierteam über 141 Kilometer und ist noch unterwegs. «Eigentlich ist alles gut gegangen, aber gegen Ende schwanden die Kräfte, da war es hart», schildert Sandro Fliri sein Rennen. Aber sein Ziel habe er erreicht: unter vier Stunden unfallfrei das Rennen zu bestreiten. Das einzige Ziel jetzt, nach der Zieleinfahrt, lautet: Die Beine hochlegen. «Und nächstes Jahr bin ich wieder dabei».