Dienstagnachmittag im Hotel Scuol Palace in Nairs. Im Foyer läuft die Hauptprobe für die Aufführung von Operetta Ardez. Gleichzeitig ist das Hotel derzeit in Betrieb, das heisst, Gäste checken an der Rezeption ein, bestellen etwas an der Bar oder laufen zu ihren Zimmern. Kinder springen umher. Davon lässt sich das Ensemble nicht stören, schliesslich spielt die Produktion im Grandhotel Zum Bären. Die Gäste sind somit so etwas wie Gratis-Statisten.
Ein Stück im Stück
Regie führt Ivo Bärtsch. Er hat auch die Rahmenhandlung für die diesjährige Produktion von Operetta Ardez geschrieben. Zusätzlich zum Stück «The Bear» von William Walton hat er noch ein zweites Stück verfasst – ein Stück im Stück, welches auf Recherchen zum Ort der Aufführung aufbaut. So geht es im «Grandhotel XY ungelöst» unter anderem um den ungeklärten Brandfall eines Grandhotels - analog zum Brand des Hotels Waldhaus Vulpera von 1989.
Wer den Film «Herbstfeuer» von Roman Vital zum Hotelbrand gesehen hat, erkennt gewisse Parallelen in der Handlung. Es wird aber auch die Geschichte von Nairs erzählt. So lässt Ivo Bärtsch die Trinkhalle, zu der in der Belle Epoque namhafte Persönlichkeiten pilgerten, in das Stück einfliessen. Und schliesslich geht es um den Untergang des Kurtourismus.
Klassische Oper trifft neues Format
Der erste Teil der Aufführung ist klassisch gehalten. Die Kammeroper «The Bear» nach Tschechows Einakter ist musikalisch und szenisch ein Musiktheatermeisterwerk für drei Personen - ideal also für Gianna Lunardi (Mezzosopran), Chasper-Curò Mani (Bariton) und Daniel Bentz (Tenor). Begleitet werden sie von virtuosen Musikerinnen und Musikern unter der Leitung von Zoi Tsokanou.
Lieder mit versteckter Botschaft
«The Bear» erzählt von der jungen Witwe Jelena Popowa, ihrem treuen Diener Luka und dem ungehobelten Gutsbesitzer Smirnow, der eigentlich auftaucht, um Schulden einzutreiben und sich dann Hals über Kopf in die Witwe verliebt. In diesem ersten Teil wird das Publikum nicht nur unterhalten, es ist eine musikalisch anspruchsvolle Oper. Ein neues Format hat Ivo Bärtsch mit «Grandhotel XY ungelöst» geschaffen: eine rasante Krimi-Operette, in der das Schauspieltalent der professionellen Sänger gefragt ist. In diesem Stück geht es um ein Grandhotel, das seine besten Zeiten hinter sich hat. «Ein Ort, wie aus der Zeit gefallen». Um die Schliessung abzuwenden und Gäste zurückzuholen, entwickelt die esoterisch angehauchte Hoteldirektorin einen Plan: Sie möchte mithilfe ihres Geliebten ein besonderes Musikstück im Hotel aufführen.
Gleichzeitig versucht ihr langjähriger Angestellter Hugo, die Illusion eines florierenden Betriebs aufrechtzuerhalten. Er schlüpft für seine verehrte Chefin in verschiedene Rollen, vom Scorpions-Leadsänger («Wind of Change») zu Freddie Mercury («Who wants to live forever») bis zu Udo Jürgens («Merci»). Für das Publikum ist es ein grosses Vergnügen, wie die Sängerin und die Sänger mühelos von einem Musikstil zum anderen, von einer Sprache zur nächsten switchen.
Um das Stück zu verstehen, hilft es, Ahnung von der westlichen Popkultur der letzten 50 Jahren zu haben. Das Stück funktioniert aber auch ohne diese Basis. Spätestens, wenn Mani Matter‘s «Zündhölzli» oder Deep Purple‘s «Smoke on the Water» erklingt, ist klar, dass es im Krimi um Brandstiftung geht. Und in dem Moment, wo Philipp Maloneys Radiojingle oder die Titelmelodie der TV-Serie «Mord ist ihr Hobby» zu hören sind, sollte auch das Genre klar sein.
Ein einmaliges Setting
Neues wagen, das ist bei Operetta Ardez Teil des Konzepts. Mit dem Hotel Scuol Palace findet die Aufführung dieses Mal nicht wie in den vorherigen Produktionen im Freien statt, sondern im ehemaligen Grandhotel. «Das Setting ist einmalig, wir haben Proberäume vorgefunden, die unglaublich inspirierend sind», schwärmt Gianna Lunardi. «Wir konnten das ganze Musiktheater aus dem Raum aus entwickeln», ergänzt Chasper-Curò Mani.
Entstanden ist mit «The Bear » und Grandhotel XY ungelöst» ein unterhaltsames, vielseitiges, unkonventionelles Ganzes. Kleiner Spoiler zum Schluss: Der Fall um das abgebrannte Hotel wird am Ende tatsächlich aufgelöst.
Aufführungen im Hotel Scuol Palace:
Donnerstag, 30. Juli und Freitag, 31 Juli jeweils um 19:00. Informationen: www.operetta-ardez.ch
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