Kleine, dunkle Räume und dicke Mauern – Judith Curtius war sich nicht sicher, ob sie so wohnen wollen würde. Doch der Vermieter meinte, sie solle sich mal einen Tag lang im Haus aufhalten, um zu erfahren, wie es sich anfühle. 25 Jahre später wohnen Judith und Alexander Curtius immer noch in diesem Haus, im unteren Dorfteil von Scuol. Die Grundmauern des Engadiner Haus sind 500 Jahre alt. Die Arvenstube ist der schönste Raum, mit edlem Buffet aus dem Jahr 1835, mit Speicherofen und einer Tür mit kunstvoll geschmiedeter Klinke. In diesem Raum empfängt Judith Curtius Erwachsene und Kinder zur Musiktherapie. Einen Stockwerk weiter unten – im ehemaligen Stall und Kellerbereich - ist ihre Töpferwerkstatt. Alexander Curtius hat in dem Raum, in dem seine Frau heute arbeitet, Fenster und Schrankböden des einstigen Hotels Schweizerhof Vulpera eingelassen. Das Ganze wirkt wie ein gläserner Raum innerhalb des Raums. Beheizt wird hier unten nichts. Im Winter wird es so kalt, dass die Töpferin den Lehm umlagern muss. 

«Ein Riesenluxus»
Eine Zentralheizung existiert bis heute nicht im alten Engadiner Haus. Alexander und Judith Curtius heizen mit Holz, und wenn die Wärme des Holzofens nicht ausreicht, gibt es noch kleine Elektroofen. «Als wir mit zwei Kindern eingezogen sind, haben wir im Winter die Schlafzimmer mit Infrawellplatten zusätzlich geheizt», erzählt Judith Curtius. Im Gang bleibt es immer kalt. 
Das Haus könnte man als rustikal bezeichnen, für Judith Curtius ist es schlicht ein «Riesenluxus». Natürlich seien die Räume immer noch klein und dunkel, klar sei die Treppe in die oberen Stockwerke steil und der Balkon winzig, aber das Haus sei multifunktional – mit Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsräumen. 

Eine Galerie aus Holz und Stein
Der Heustall ist heute ein Ausstellungsraum. Alexander Curtius präsentiert hier seine Wohnskulpturen aus Holz, Judith Curtius ihre Töpferwaren. Holz und Stein bilden den Rahmen für die Kunst, Luft und Tageslicht dringen durch die Holzwände. Mit einem ausgeklügelten Belichtungskonzept werden die Objekte abends angestrahlt. Ansonsten wurde im Heustall nichts verändert. 
Eine so grosse Galerie irgendwo zu mieten, wäre für die Künstler unerschwinglich. «Dieser Heustall ist ein grosses Geschenk», sagt der Künstler. Gemietet hat Alexander Curtius eine Halle in Vulpera, wo er seine Rohlinge lagern kann. Die Werkstatt hat er oberhalb des Dorfes beim alten Schiessstand. Hier führt er auch seine Holzdesign-Kurse durch. Die Grundmodelle der Möbel sind auch im Heustall ausgestellt. 

Sorge tragen zu historischen Räumen
Das Haus ist denkmalgeschützt und wurde in den Achtzigerjahren zuletzt sanft renoviert. «Im Mietvertrag steht: Sorge tragen zu den historischen Räumen», erzählt Judith Curtius. Es gibt immer noch eine Räucherkammer, die als Abstellkammer genutzt wird. Die Fenster sind doppelt verglast – vor den neuen Fenstern wurden die alten Scheiben inklusive verzierten Rahmen belassen. «Dieses Haus ist wie ein Wollpullover – es umhüllt einen», sagt Alexander Curtius. Er möchte so lang wie möglich in diesem alten Haus wohnen bleiben, solange die Mobilität es zulässt. Fadrina Hofmann