Die Schuhe fallen zuerst auf: elegante Absatzschuhe, deren Spitzen sich berühren. In ihnen stecken Strumpfhosen, und wenn der Blick die Strumpfbeine entlangfährt, kommen Kleider und Blusen sowie goldene, gesichtslose Köpfe. «Frauenbrücke», heisst die 1989 erstellte, zehn Meter lange Installation. Sie steht aktuell mitten im grössten Raum des Muzeum Susch. Erschaffen wurde die Installation von Mariuccia Secol. «Mit dieser Frauenbrücke möchte sie einen Begegnungsraum zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen andeuten. Sie war überzeugt, dass der Weg zur Gleichstellung nur über das sich Befreien von Rollenbildern geht», erklärt Eva Brioschi. Gemeinsam mit Co-Kuratorin Monika Branicka führt sie Medienschaffende am Tag vor der Eröffnung durch die Sonderausstellung «Mariuccia Secol - Unraveling». 

Eine zufällige Entdeckung
Die Ausstellung zeigt Werke aus siebzig Jahren künstlerischer Praxis und ermöglicht einen umfassenden Einblick in ein Werk, das bisher fast nur in Italien bekannt war, obwohl Mariuccia Secol 1978 an der Biennale in Venedig ausstellen durfte. «Die meisten ihrer Werke waren während Jahrzehnten im Haus der Künstlerin fast versteckt», erzählt Kuratorin Eva Brioschi. Es sei Monica Branicka zu verdanken, dass das Leben und Schaffen dieser herausragenden Künstlerin nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Zufällig sei die Co-Kuratorin auf Arbeiten von Secol gestossen und habe durch Recherchen erfahren, dass diese noch am Leben ist und in ihrem Haus einen wahren Kunstschatz hüte.

Die Ausstellung als Lebenszyklus
Die Sonderausstellung zeichnet Secols Entwicklung nach. Sie beginnt mit ihren frühen Gemälden der 1950er- und 1960er-Jahre, die von existenziellen Sujets und Kriegstraumata geprägt sind, und endet in der Gegenwart, in der tragischerweise immer noch die gleichen Themen bewegen. «Wir haben die Ausstellung als eine Art Lebenszyklus angelegt», erklärt Monika Branicka. Denn weder das Leben der politisch motivierten Künstlerin noch das Weltgesche­hen verliefen linear. Das zeigt sich auch in der Ausstellung. Der Titel der Ausstellung, «Unraveling» bedeutet so viel wie Entwirren oder Auflösen, und dies im doppelten Sinn. Er steht einerseits für die beson­dere Technik von Secol, wenn sie mit Textilien arbeitet. Statt den Stoff durch Weben zu verdichten, entfernt sie Fäden aus der Gewebestruktur. So entstehen Leerstellen und Risse, welche symbolisch für die Wunden des weiblichen Körpers stehen, zum Beispiel Schwangerschaftsstreifen. «Sie lassen aber auch das Licht hervortreten», betont Eva Brioschi. Dieses wiederum stehe für die kreative Kraft, welche die Kunst freisetze. 

Kreativität kann heilen
Die Schau im Muzeum Susch zeigt eine Künstlerin, die sich bereits frühzeitig Themen wie Ausgrenzung, Marginalisierung, Gewalterfahrung und Ökolo­gie gewidmet hat. Einen signifikanten Einfluss auf Secol hatte ihre Tätigkeit als Lehrerin im Malatelier des psychia­trischen Krankenhauses Bizzozero-Varese in den Jahren 1965 bis 1988. «In diesem Umfeld erkannte sie, dass Kreativität als Werkzeug zur Selbstbestim­mung und Heilung dienen kann», erklärt Eva Brioschi.

 Secol war keine Aktivistin, die auf die Strasse ging, um gegen das Patriarchat oder soziale Ungerechtigkeiten zu protestieren. Sie skandierte nicht politischen Parolen, sondern verarbeite ihre Botschaften in Form von Kunst. Für die Serie The Doll‘s House (1970–73) zerlegte sie zum Beispiel ihre eigene Kleidung einschliesslich ihres Hochzeitskleides. Damit wollte sie ihre Ablehnung der traditionellen Rollenzu­wei­sungen als Ehefrau und Mutter darstellen.

Kunst direkt aus der Küche
Ein Raum mit besonderer Wirkung in der aktuellen Ausstellung ist jener, in dem das Werk «Instrumente der weiblichen Rolle» (1974) gezeigt wird. Secol gründete gemeinsam mit ihrer Freundin Milli Gandini und ihrer Tochter Mirella Tognola die feministische Gruppe Immagine. In dieser Zeit wandelte sie alltägliche Küchengegenstände in Objekte des Widerstands um, zum Beispiel entstand eine übergrosse Schürze mit den für sie typischen «Textil-Wunden» oder ein gigantischer Stahlwolle-Schwamm. Damit wollte sie die unsichtbare, unbezahlte Arbeit der Hausfrau sichtbar machen. Im gleichen Raum zu sehen ist eine Serie mit grossen Schwarz-Weiss-Bildern, auf denen Secols Tochter in einer Küche steht, in welcher in Staub geschriebene Botschaften geschrieben sind. «Ein Gehalt für die Hausarbeit» lautet der Titel dieser Arbeit. Die Botschaft ist so aktuell wie vor 50 Jahren. 

Ziel: Verkannte Frauen hervorheben

Die Retrospektive steht im Einklang mit dem Gründungsauftrag des Muzeums Susch: Künstlerinnen der internatio­na­len Avantgarde, die übersehen, verkannt oder missverstanden wurden, hervorzu­heben, ihnen eine Bühne zu bieten und die gleiche Anerkennung wie ihren männlichen Zeitgenossen zu verschaf­fen. «Mariuccia Secols Werk war lange Zeit aus den vorherrschenden Narrativen ausgeschlossen, hier tritt sie als eine Künstlerin auf, die ihrer Zeit weit voraus war», sagt Monika Branicka.

Secol hat im Laufe ihres Lebens mit verschiedensten Techniken und Materialien gearbeitet. Sie blieb dabei stets eine politische und humanistische Künstlerin. In den letzten Jahrzehnten hat sich ihre Arbeit zu einer globalen Kritik ausgeweitet, die Themen wie Migrationskrisen, internationale Konflikte und den ökologischen Kollaps anspricht. Viele der Werke, die im Muzeum Susch zu sehen sind, werden erstmals ausgestellt. «Mariuccia Secol: Unraveling ist mehr als nur eine Ausstellung; sie präsentiert ein ‹rebellisches Archiv›, das die etablierte Kunstgeschichte herausfordert und die Narrative über das letzte Jahrhundert erweitert», so Eva Brioschi.

Autorin: Fadrina Hofmann
Fotos: Privatarchiv der Familie der Künstlerin | Muzeum Susch/Art Stations Foundation/Federico Sette

Mehr Informationen und Öffnungszeiten: www.muzeumsusch.ch