Den kommenden 14. Juni dürften politisch Interessierte rot in ihrer Agenda angestrichen haben: Auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene wird abgestimmt, zudem stehen im Kanton Graubünden die Erneuerungswahlen für Parlament und Regierung an. Auch St. Moritz besetzt das Gemeindepräsidium neu.

Zu den kantonalen Wahlen: 120 Sitze umfasst der Bündner Grosse Rat, 522 Kandidierende möchten gemäss einer Mitteilung der Standeskanzlei von letzter Woche ins Parlament. Das sind deutlich mehr als 2018 und auch mehr als vor vier Jahren, als knapp 500 Personen kandidierten. Die höhere Zahl der Kandidaten allein mit wachsendem politischem Interesse zu erklären, greift zu kurz. Vor vier Jahren musste der Kanton Graubünden nach einem Bundesgerichtsentscheid vom Mehrheitswahlverfahren (Majorz) auf den Proporz (Verhältniswahl) umstellen. Das bedeutet für die Parteien, dass sie mit möglichst vielen Leuten auf der Liste antreten müssen, da jede Stimme für einen Kandidaten oder eine Kandi­datin zugleich auch eine Stimme für die Listengruppe ist.

Die Funktion der Wahlkreise
Die 39 politischen Kreise wurden zwar per 1. Januar 2016 durch elf Regionen ersetzt, ihre Funktion als Wahlkreise blieb jedoch bestehen. Die Vertreterinnen und Vertreter werden also weiterhin in den jeweiligen Kreisen gewählt. Je nach Bevölkerungszahl steht einem Kreis eine unterschiedliche Anzahl Sitze zu. Der Wahlkreis Chur ist mit 21 Sitzen der grösste, nicht weniger als 19 Wahlkreise entsenden jedoch nur eine Vertreterin oder einen Vertreter.
In Südbünden gibt es acht Wahlkreise: Bergell, Oberengadin, Poschiavo, Brusio, Sur Tasna, Suot Tasna, Ramosch und Val Müstair. Die meisten Grossräte stellt das Oberengadin mit acht Sitzen, gefolgt von Sur Tasna mit drei und Poschiavo mit zwei. In allen übrigen Wahlkreisen wird je eine Grossrätin oder ein Grossrat gewählt. Insgesamt sind in Südbünden 18 Mandate zu vergeben, 73 Kandidierende bewerben sich um einen dieser Sitze – gleich viele wie vor vier Jahren.


Dünne Luft für die Neuen
Auffällig ist, dass nur vier Bisherige nicht mehr antreten. Michael Pfäffli (FDP, Oberengadin) beendet seine politische Karriere auf kantonaler Ebene nach 20 Jahren. Pietro Della Cà (SVP, Brusio) gehörte dem Parlament seit 2018 an, Reto Lehner (SVP, Sur Tasna) seit 2022 und Rico Kienz (FDP, Ramosch) seit 2018.
Mit dem Bisherigen-Bonus dürften es neu Kandidierende in vielen Kreisen schwer haben. Im Kreis Suot Tasna treten die drei bisherigen Aita Zanetti (Mitte), Aita Biert (SP) und Reto Rauch (SVP) erneut an. Im Kreis Poschiavo sind es Giovanni Jochum (FDP) und Gabriela Menghini-Inauen (SVP), im Oberengadin sieben von acht: Markus Berweger (FDP), Stefan Metzger (SVP), Martin Berthod (SVP), Martin Binkert (Mitte), Franziska Preisig (SP), Selina Nicola (SP) und Nora Saratz Cazin (GLP).
Weil Nora Saratz Cazin (Oberenga­din), Aita Zanetti (Suot Tasna), und Maurizio Michael (Bergell) gleichzeitig für den Regierungsrat kandidieren, könnte bei einer Wahl in diesen Kreisen je ein Sitz «frei» werden. Im Oberenga­din bewerben sich insgesamt 36 Kandidierende um acht Sitze, in Suot Tasna 15 um drei und in Poschiavo acht um zwei Sitze.
Im Kreis Bergell tritt der bisherige FDP-Vertreter Maurizio Michael wieder an. Um diesen einen Sitz bewerben sich vier Personen. Im Kreis Brusio wollen zwei Kandidierende die Nachfolge von Pietro Della Cà antreten. In Sur Tasna sind es drei. In der Val Müstair tritt der bisherige Rico Lamprecht (Mitte) wieder an, ein Kandidat fordert ihn heraus. Im Kreis Ramosch stellen sich drei zur Wahl für den einzigen Sitz. 

Bleibt Die Mitte an der Spitze?
Stärkste Fraktion im Bündner Grossen Rat war in den vergangenen vier Jahren die Mitte mit 34 Sitzen, gefolgt von SP/Grüne und FDP mit je 27, der SVP mit 25 und der GLP mit 7 Sitzen. Gemäss Standeskanzlei sind von den 522 Kandidierenden 146 Frauen und 373 Männer, der Frauenanteil beträgt 33 Prozent. In den acht Südbündner Wahlkreisen sind es 24 von 73, was einem ähnlichen Verhältnis entspricht.
Ein Blick auf die Berufe der Kandi­dierenden zeigt, dass viele im Tourismus respektive im Marketing/Kommu­ni­ka­tion tätig oder Unternehmerinnen und Unternehmer sind. 

Die EP/PL wird in den Mai-Ausgaben sämtliche Kandidierenden aus Südbünden in Kurzinterviews zu ihren Beweggründen und zu aktuellen Themen vorstellen.

Autor: Reto Stifel
Foto: Jon Duschletta