Karfreitag kurz vor zehn Uhr morgens. Es herrschen perfekte Bedingungen für die Teilnehmenden der Free Heeler Schweizermeisterschaften: viel Schnee und viel Sonnenschein. Rund 50 Personen treten an diesem Osterwochenende in verschiedenen Kategorien gegeneinander an. Enzo Zannier macht bei der Kategorie «Fun» mit. Bevor es auf die Piste geht, nimmt er sich einen Moment Zeit, um bei einem Kaffee im Bergrestaurant über sein spezielles Hobby zu sprechen. «Ich bin lange Zeit alpine Skirennen gefahren, und als ich damit aufhörte, war mir die Freude am Schneesport vergangen», erinnert er sich. Zwei Jahre sei er nicht mehr auf die Piste gewesen. Doch dann hatte der gelernte Forstwart während eines Winters unverhofft Zeit und beschloss, für zwei Monate als Skilehrer zu arbeiten.

Im Team der Skischule Scuol-Ftan fahren mehrere Skilehrer Telemark auf hohem Niveau. So kam der junge Scuoler in Berührung mit dieser Sportart, die als «ursprünglichste Art des Skifahrens» (siehe Kasten) bezeichnet wird. 

Ein Gefühl von Freiheit
Die Herausforderung, etwas Neues zu lernen, stand am Anfang. «Es ist immer noch Ski fahren, man braucht einfach den Mut, sich in diesen Schritt fallen zu lassen», erklärt Enzo Zannier. Körperliche Fitness und eine gute Basis im Ski Alpin seien gute Voraussetzungen, um mit dem Telemark anzufangen. «Sobald man die Technik im Griff hat, mit dem Rhythmus mitgeht, braucht man nicht mehr so viel Kraft.»

Begeisterte Free Heeler – Free Heel bedeutet Freie Ferse – schwärmen vom Gefühl von Freiheit, welches beim Telemark entsteht. Auch das jährlich stattfindende Telemark-Festival auf Motta Naluns spielt mit diesem Lebensgefühl und trägt den Namen «Scuol Free Spirit». Es gibt eine grosse Free Heeler Community mit einer gemeinsamen Philosophie, die in der Schweiz, aber auch europa- und weltweit gelebt wird. Dazu gehört Enzo Zannier allerdings nicht. «Das ist eher die Generation vor uns, die diesen Free Spirit leben möchte».

Freude an den schönen Kurven
2021 hat Enzo Zannier gemeinsam mit drei Freunden den Verein Telebuddies Scuol gegründet. Der Name ist eine Kombination aus den Begriffen Teletubbies und Buddies. Entstanden ist der Verein aus einer spontanen Idee heraus, als sich die vier Freunde als Teletubbies verkleideten und einen Tag gemeinsam Telemark fuhren. Diese Aktion stiess auf so grosse Begeisterung, dass die Telebuddies geboren waren. 

14 aktive Mitglieder sowie mehrere passive und Ehrenmitglieder hat der Verein inzwischen. «Unser Ziel ist, Telemark in der Region zu fördern», erklärt er. Unter anderem werden gemeinsame Aktivitäten organisiert, die Telebuddies machen Öffentlichkeitsarbeit bei Anlässen wie der Festa da Stradun, und sie versuchen, weitere Skilehrerinnen und Skilehrer für den Telemark zu begeistern. «Wer den Ehrgeiz hat, sich weiterzuentwickeln und etwas Neues lernen möchte, sollte Telemark ausprobieren», meint Enzo Zannier. Der Nischensport interessiere viele. Telemark sehe elegant aus und wecke nostalgische Gefühle. «Die Leute haben Freude, wenn sie unsere schönen Kurven auf der Piste sehen», so die Erfahrung des Engadiners.

Es gibt kein Richtig oder Falsch
Auf die Frage, was ihn am Telemark fasziniere, antwortet Enzo Zannier: «Es ist dynamisch und ist einfach etwas anderes als Alpinskifahren.» Ihm gefalle es, stark gecarvt um Tore zu fahren, und die Limite beim Telemark auszuloten. «Es ist etwas Besonderes, das nicht jeder oder jede beherrscht.» Er gefalle ihm auch, dass es beim Telemark kein Richtig oder Falsch gebe. Wer diesen Sport ausübe, gehöre zur Community, egal, wie erfahren er oder sie sei. 

Beim Free Spirit Scuol Festival lerne man jedes Jahr wieder Gleichgesinnte kennen. Und bei den Bündner- und Schweizermeisterschaften der Schneesportlehrpersonen sei Telemark ebenfalls eine Disziplin. Diese Woche finden die Schweizermeisterschaften in Mürren (BE) statt. Enzo Zannier wird auch am Start stehen, als Mitglied des Demo-Teams und in der Disziplin Telemark. 

Das Skigebiet Motta Naluns gilt unter Insidern als Mekka des Telemark. «Es gibt wenige Skigebiete, wo man so viele Telemark-Fahrer auf der Piste sieht wie hier», sagt Enzo Zannier. Er selbst hat dank Telemark wieder Freude am Schneesport. «Die Abwechslung hat den Schwung zurückgebracht.»

Autorin und Foto: Fadrina Hofmann