01.06.2021 Ruth Bossart 3 min
Happy Birthday alleine: Auch Geburtstage werden in Indien ausschliesslich online gefeiert (Foto: Ruth Bossart).

Happy Birthday alleine: Auch Geburtstage werden in Indien ausschliesslich online gefeiert (Foto: Ruth Bossart).

Kürzlich schellte mein Telefon zur späten Stunde. Am Apparat waren Schweizer Freunde, die wir eigentlich in Indien wähnten. Welch eine Überraschung! Sie waren gerade aus einer Maschine in Zürich gestiegen und haben sich die Wartezeit, bis ihr Zug nach Bern fährt, mit Telefonieren verkürzt. Die sich verschlechternde Lage hat das pensionierte Ehepaar bewogen, in die Schweiz zurückzukehren. Die beiden verbringen sonst die eine Hälfte des Jahres in Bombay. Im Juni, wenn der Monsun Indien überschwemmt, reisen sie in die Schweiz und fliegen wieder aus, sobald hier die Temperaturen kühl und der Nebel hartnäckig wird. 
Sie müssen nun 10 Tage in die Quarantäne - denn Indien ist ein Hochrisikoland - auch wenn beide geimpft sind. Schliesslich können auch Immunisierte das Virus weitergeben. Am ersten Tag nach der Quarantäne treffen wir uns alle auf ihrem Balkon und stossen an: Auf die sichere Rückkehr in die Schweiz. Zum Glück hat die indische Frau, als sie vor vielen Jahren ihren Schweizer Mann heiratete, auch gleich den roten Pass mit dem Kreuz bekommen. Denn seit der Pandemie können unterschiedliche Staatsbürgerschaften in der gleichen Familie zum Albtraum werden.Einer befreundeten Familie wurde zum Verhängnis, dass die Mutter einen indischen Pass, die Kinder und der Vater einen kanadischen haben. Seit mehreren Monaten sitzen sie deswegen in Bombay fest. Denn es gelingt der Familie nicht, gemeinsam nach Kanada auszureisen. Entweder gibt es keine regulären Flüge oder es sind es Repatriierungsflüge, auf die nicht die ganze Familie zugelassen wird. Ein Versuch, Indien via die Malediven zu verlassen, scheiterte an der Vorschrift des Inselstaats, der von einem Tag auf den anderen keine kanadischen Staatsbürger, wohl aber Inder ins Land liess. Eine verzwickte Lage: Die Familie hat ihr Hab und Gut seit mehr als einem halben Jahr verpackt, lebt aus Kisten und den Koffern, die Kinder haben die Wohnung seit 8 Monaten nicht mehr verlassen. Ihr Schulunterricht findet online statt – ihre Schulgspändli haben sie im März 2020 das letzte Mal persönlich getroffen. 
Wiederholt gab es kurze Hoffnungsschimmer auf eine Ausreise – ein Flug, der erhältlich war, um dann ein paar Tage vor der effektiven Reise wieder annulliert zu werden. Oder einer, der zwar flog, für den es aber für die eine oder die andere Hälfte der Familie administrative Hürden gab, die nicht zu nehmen waren. Es steht nun wieder ein neues Reisedatum in Aussicht: Ende Juni. Es ist dies der 7. Anlauf.

Dass die «richtigen» Papiere Leben retten können, kenne ich vor allem aus der Geschichte. Die Pandemie hat unser Leben auch diesbezüglich ziemlich auf den Kopf gestellt.

Ruth Bossart

Ruth Bossart ist Historikerin und lebt mit ihrem Mann und Sohn Samuel seit diesem Frühjahr in Bern. Zuvor berichtete sie für das Schweizer Fernsehen aus Indien. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.